20: im Stehen meditieren

Kapitel 20, ZEN YOUR LIFE von Shunmyo Masuno

Klar, wenn man, wie in Japan mit Bus oder Bahn zur Arbeit und zurück fährt, lässt sich diese Zeit zum meditieren gut nutzen. Während meiner Ausbildung zur Mentaltrainerin habe ich mich gerne auf die Rückbank des Busses gesetzt und meine Armen und Beine „schwer“ werden lassen. Das war meine beste Trainingseinheit. Heutzutage ist mir die Zeit in Verkehrsmitteln viel zu unruhig und geschäftig, als das ich mich „versenken“ könnte.

Es geht im Kapitel 20 noch um einen weiteren Aspekt. Es tut uns gut, zwischen zuhause und Arbeitsplatz eine gewisse Weg- oder Zeitstrecke zu haben. Vom „Familien:Gesicht“ ins „Arbeits:Gesicht“ zu wechseln. Meinem Vater war die halbe Stunde Autofahrt zwischen den beiden wichtigsten Plätzen seines Lebens heilig. Genauso wie ich und viele andere Menschen gerne an einen weiter entfernten Ort fahren, um zu lernen, sich zu bilden. Hier liegt das Gute nicht nah. Die Weg- und Zeitstrecke ist nötig, um Abstand herzustellen zwischen sehr unterschiedlichen Lebenswelten. In mir bleibt der Gedanke hängen, Arbeitswege und Übergangszeiten zu nutzen, um meinen Geist ruhig und still werden zu lassen. Anstatt mich über den Zeit:Verlust aufzuregen.

13: einen Lieblingsausspruch suchen

Kapitel 13, Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE

In den alten japanischen Häusern gab es eine Nische, genannt TOKONOMA. Dort hing eine Bildrolle, die etwas über die BewohnerINNEN des Hauses zu erzählen wusste. Man blickte oft dorthin, egal ob als BewohnerIN oder als Gast.

Nun fragt mich Herr Masuno, ob ich Freude daran hätte, auch eine Kalligraphie aufzuhängen. Ob im Flur oder im Wohnzimmer spiele keine Rolle. Es erinnert mich an die christlichen Bilder und Texte, oft Flure schmückend. Den Grundgedanken finde ich sehr schön. Aber ich weiß nicht, ob ich der Kalligraphie genug verbunden bin, um das Motto meines Lebens und meines Hauses damit auszudrücken. Denke, dass das künstlich hergestellt wäre. Ewas aus meiner eigenen Kultur, dass die Funktion eines TOKONOMA erfüllt, fällt mir hingegen direkt ein. Und es hängt sowieso bereits im Eingangsbereich des Hauses.

Dank des Tagesgedankens von Herr Masuno werde ich ab jetzt dieses Bild mit mehr Wohlgefallen, mit mehr Absicht betrachten. Es ist mehr als ein Bild, wenn ich das möchte. Eine TOKONOMA-Nische!

10: Mahlzeiten nicht vernachlässigen

Kapitel 10 aus ZEN YOUR LIFE von Shunmyo Masuno

Das kann ich! Ohne Übung! Essen und Trinken mit ganzem Herzen. Eine Selbstläuferinnenübung für mich. Bei meiner Teilnahme an Schweige-Retreats war es bei den ersten zwei Mahlzeiten schwierig auszuhalten, mit dem Salat alleine zu sein. Doch wundersamerweise änderte sich das schnell. Eine Tasse Tee wurde mir zur Freundin. Keramik. Wärme. Duft. Trinken. Schlucken. Spüren. Manchmal ist das im Alltag wieder zu finden. Mit einem wohligen Seufzer auf dem Sofa zu sitzen, alles ist getan und die Tasse Tee in der Hand wärmt und verspricht Einkehr.

Im ZEN geht es noch weiter. Diejenigen Menschen zu würdigen, die die Tasse hergestellt haben, die Hände, die den Tee geerntet haben. Hunderte Menschen waren tätig, so dass ich diesen Moment genießen kann. Ich bin nicht alleine mit meiner Tasse Tee. Mein Leben ist bereichert durch andere Leben. Wenn ich mal wieder zu schnell das Gemüse schäle, atme ich durch und murmele vor mich hin: „Das hast du, Kohlrabi, nicht verdient, dass ich so rastlos schnibbele.“  Das hilft mir sofort. Während der Mahlzeiten halte ich es mit der französischen Esskultur: es wird ausschließlich über das Essen, die Produkte und die Zubereitung gesprochen. Niemals über Probleme oder die Arbeit.

Wünsche allen LeserINNEN bei ihrer nächsten Mahlzeit einen achtsamen, guten Appetit.

9: einmal laut sein

Kapitel 9 aus ZEN YOUR LIFE von Shunmyo Masuno

Wer seine Stimme aus dem Bauch holt, weckt sein Gehirn auf.

Ich sehe die Szenerie bereits vor mir. Es ist 5.37 Uhr. Ich stehe am offenen Fenster, um 2 Minuten nichts zu tun und die Morgenluft zu kosten. Sobald ich damit fertig bin, erhebe ich meine Stimme so laut ich kann: GUTEN MORGEN DU SCHÖNER TAG. ICH GRÜSSE DICH.

Wieder hat Herr Masuno recht, wenn ich meine Stimme erhebe, sie sogar tief aus dem Bauch heraus erschallen lasse, sind Körper und Geist und meine Nachbarschaft wach. Es ist lebendiger und wahrer, wenn etwas laut ausgesprochen wird, als nur im inneren Kämmerlein gedacht zu sein.

Nun, ich scheue ein wenig vor der Übung zurück,  gleichzeitig  lockt sie mich. Morgen werde ich mich und den Tag im Badezimmer, noch bei geschlossenem Fenster mit erhobener Stimme begrüßen. Nie hätte ich gedacht, das ZEN so lustig sein kann.

8: sorgsam schreiben

Dein wahres Selbst zeigt sich in Deiner Handschrift.

Shunmyo Masuno, Kapitel 8, ZEN YOUR LIFE

Seien Sie bitte so höflich, diese beiden Plätze sind reserviert für Menschen im Alter von 70 Jahren und älter.

Nicht ohne Grund gehören wohl die Kalligraphie und das Zeichnen zu den Aufgaben von ZEN-Mönchen/Nonnen. Es geht ihnen nicht darum, etwas für die Ewigkeit zu verfassen oder eitel die eigene Geschicklichkeit zu präsentieren.

Indem ich mit den Händen einen Stift oder Pinsel über das Papier gleiten lassen, stelle ich mich meinem eigenen Selbst gegenüber, kann es mit dem Pinselstrich berühren. Handschrift ist persönlich. Ein Bild ohne Ehrgeiz hergestellt, kann ein tiefes Symbol sein.

Digital geht natürlich schneller. Mandala-App, Diary und Handschriften-Typografien, – alles leicht erhältlich, leicht umsetzbar. Ohne Mühe. Es berührt jedoch nur einen kleinen Teil des Selbst.

Im spürenden Kontakt mit Papier, Wasserfarben oder Bleistift sind alle Sinne beteiligt. Ich sehe. Ich höre. Ich rieche. Ich schmecke. Ich spüre. Zu meinem Glück ist diese Übung in meinem Leben eine Selbstläuferin. Ich schreibe und kritzele jeden Tag. Wer das nicht tut, kann ja heute mal etwas sorgsam aufschreiben. Einkaufszettel, Postkarte oder Tagebuch. Wünsche Freude damit.

7: eine Tasse Kaffee mit Bedacht zubereiten

Wie bringe ich dem Kaffeevollautomat Achtsamkeit bei? In der aktuellen Kaffeewerbung heißt es: straight to the heart of coffee. Direkt ins Herz des Kaffees.

Passe diesen Nonsens in meinen heutigen Zen-Gedanken ein: straight to the heart of me. While drinking a pot of coffee. Ich verändere den Schwerpunkt, es geht nicht um den Café, sondern um mein Herz.

Herr Masuno hat ein anderes Gedanken:Spiel. Stell´Dir vor, Du bist in der Natur. Sammelst Feuerholz. Entzündest ein Feuer. Mahlst die Bohnen in einer handbetriebenen Cafémühle. Erhitzt einen Kessel Wasser. Brühst Dir alles frisch zusammen. Eine Inszenierung kurz vor einer der alten Zigarettenwerbungen!

ZEN weist mich darauf hin, jeden einzelnen Schritt bewusst zu erleben. Jede Bequemlichkeit, z.B. ein Cafévollautomat hat eine Kehrseite. Das Leben entsteht aus dem Zusammenspiel von Zeit und Mühe. Spart man sich Zeit und Mühe, spart man auch immer Lebensfreude. Wow! Das gefällt mir.

Es ist ja gleichgültig, welche Tätigkeit ich  mir ansehe, ich mache viel zu wenig mit An:Dacht, eher als ZackZack! Die Elektrifizierung und Digitalisierung macht das Leben verführerisch bequem, ich möchte auch auf keinen Fall meine Waschmaschine loswerden. Spüre ein ebenso verführerisches Aber. Werde mir gleich eine Tasse Café mit Bedacht zubereiten. Das ist wunderschön.

Shunmyo Masuno, Kapitel 7, ZEN YOUR LIFE

6: den Schreibtisch aufräumen

„Saubermachen poliert die Seele „. Wind in den Mühlen der Ordentlichen, Kampfansage an die ChaotiNNEN. Spiegelt äußeres Durcheinander immer einen Seelenzustand? Oder ist ein gemütliches übervolles Familienhaus (inspiriert von Nanett❤) nicht ein Hort der Geborgenheit?

Es ist Typsache, was nervt. Den Schreibtisch aufzuräumen kann sinnstiftend sein oder eben nicht. Während meiner Studienjahre war mir der überladene Schreibtisch ein Augenschmaus. Er diente mir damit als augenscheinlicher Beweis meines Fleißes…

Heutzutage räume ich einmal in der Woche meinen Schreibtisch ratzeputze leer, bis auf PC und Lampe. Der sichtbare Beweis, dass alles wohl getan ist und ich nun ruhen kann.

Im Zen ist es selbstverständlich, Tag um Tag, mit aller inneren Konzentration die Tempel zu reinigen. Damit zeitgleich den Gemütszustand zu reinigen. Alle, die damit übereinstimmen, können sich freuen. Ein aufgeräumtes Umfeld ist der Schlüssel zu einem ausgeglichenen Geist.

Ich weiß, das mich aufräumen beruhigen kann, wenn ich es als „aufrichtiges Räumen“ spüre, nicht als notwendiger Teil der Hausarbeit. Ist das vielleicht gemeint mit „den Schreibtisch aufräumen „?

Nachtrag: ich koste übend täglich die Morgenluft. Heute hab ich dabei Seifenblasen gepustet. Und schwöre, dabei habe ich an nichts gedacht. Zwei Übungen sinnvoll vereint.

Jetzt höre ich auf zu schreiben und gehe meine Schuhe ordentlich aufstellen. 😁😁😁

4: Schuhe nach dem Ausziehen ordentlich aufreihen…

…“verschönere Dein Leben, denn Unordnung im Geist zeigt sich an den Füßen.“

herausfordernd für barfuss

Bin eine leidenschaftliche Barfuß:Läuferin, habe wenig Schuhe. Ziehe ich Schuhe aus, stelle ich sie gerne auf die Treppe, um sie demnächst wegzuräumen. Ziehe ich Schuhe aus, bin ich ungeduldig und genervt, das soll schnell gehen. Gerne bleiben die Schuhe genau dort liegen, wo ich sie ausgezogen habe, im Flur, unterm Tisch, im Bad. Nicht schön!

Im ZEN gibt es einen Satz: „Betrachte das, was sich unter Deinen Füßen befindet.“ Wer nicht auf seine Füße aufpasst, kann den Überblick verlieren. Eine typische Paradoxie. Es liegt das wundersame Versprechen in der Luft, dass das schöne Aufstellen seiner Schuhe eine Vorbereitung ist, die nächsten Schritte zu gehen.

Das gefällt mir. Als Heldin des Alltags kommt es nicht taff rüber, wenn ich beim nächsten großen Schritt noch unter den Wohnzimmertisch krabbeln muß, um das geeignete Schuhwerk zu suchen. Das ist so garnicht Jane Bond 007!

Diese Woche werde ich tagtäglich meine Schuhe beachten.

1: sich Zeit nehmen, gar nichts zu tun

Sitzen.

Die Idee ist schlicht und makellos. Der erste Schritt im ZEN:Prinzip ist, sich Zeit zu nehmen an nichts zu denken. Die Übung dazu: täglich 10 Minuten nichts tun. Ohne Ablenkung.

Ich fühle mich unentwegt beschäftigt und bin geschäftig. Als wäre ein Derwisch hinter mir her. Er hat von meinen Eltern Spick:Zettel mitbekommen. Somit kennt er sich bestens aus mit Sätzen, die mich im Hamsterrad laufen lassen.

Während ich ihm von ZEN erzähle, schüttelt es sich vor Lachen und ist sich seiner Macht verdammt sicher. Den kriege ich in der ersten ZEN-Einheit nicht ausgeschaltet oder niedergerungen.

Wie ein Kind mache ich meine Auszeit hinter seinem Rücken. Jedoch: er hat sich verbrüdert mit meinem Rücken, meinen Gedanken und meiner Atmung. Als könnte er es voraussehen, dass ich ihm ein Schnippchen schlagen möchte, schickt er mir Rückenweh, Kurzatmigkeit und ein Gedankenkarussell.

Ich habe noch eine Geheim:Waffe. Mein Eichhörnchen:Modus. Unentwegt neu beginnen, unentwegt Nüsse vergraben, als wäre es die erste oder die letzte Nuss. Die Übung „sich Zeit nehmen, gar nichts tun“ ist eine harte Nuss, kaum zu knacken. Ich vergrabe sie tief. Beginne mit den Verhandlungen: würden 5 Minuten reichen? Zählt es, wenn ich noch im Bett oder in der Badewanne liege? Wie könnte meine erste Übung zu einem leichten Spiel werden?

Als Kind war ich eine leidenschaftliche „Aus-dem-Fenster-Guckerin“. Am Fenster nichts zu tun könnte mir gelingen. Strebe mal mehr als eine Minute an. Ca. 70 Sekunden.

Shunmyo Masuno ZEN YOUR LIFE. Übung 1 sich Zeit nehmen, gar nichts zu tun.

3: Die Morgen:Luft kosten

Durchatmen. Einatmen. Ausatmen.

Menschen, die in Klöstern leben, werden bekanntlich sehr alt. Ein kontemplativer, geregelter Alltag wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus. Deshalb lebt der Elefant länger als die Maus!

Der Ansatz von Herrn Masuno ist, dass die täglichen Wiederholungen mir den Raum geben könnten, auf Wind und Sonne, Farben und Gerüche zu achten.

Die Kür wäre eine Sitzmeditation vor Sonnenaufgang. Da sehe ich mich, ehrlich gesagt, nicht! Da ich wegen Kapitel 1 (sich Zeit nehmen, nichts zu tun) sowieso täglich am Fenster stehe, erweitere ich diesen Moment um ein paar kräftige Atemzüge. Zudem fühle ich die Temperatur auf meiner Haut und achte auf die Farben des Himmels.

Das kann in meinem Leben ein toller Moment werden. Nach dem Aufstehen eine Weile am geöffenten Fenster zu stehen, nicht an die Erfordernisse des Tages denken, sondern:

stehen – atmen -spüren -gucken.

Kaptel 3 gefällt mir.