8: sorgsam schreiben

Dein wahres Selbst zeigt sich in Deiner Handschrift.

Shunmyo Masuno, Kapitel 8, ZEN YOUR LIFE

Seien Sie bitte so höflich, diese beiden Plätze sind reserviert für Menschen im Alter von 70 Jahren und älter.

Nicht ohne Grund gehören wohl die Kalligraphie und das Zeichnen zu den Aufgaben von ZEN-Mönchen/Nonnen. Es geht ihnen nicht darum, etwas für die Ewigkeit zu verfassen oder eitel die eigene Geschicklichkeit zu präsentieren.

Indem ich mit den Händen einen Stift oder Pinsel über das Papier gleiten lassen, stelle ich mich meinem eigenen Selbst gegenüber, kann es mit dem Pinselstrich berühren. Handschrift ist persönlich. Ein Bild ohne Ehrgeiz hergestellt, kann ein tiefes Symbol sein.

Digital geht natürlich schneller. Mandala-App, Diary und Handschriften-Typografien, – alles leicht erhältlich, leicht umsetzbar. Ohne Mühe. Es berührt jedoch nur einen kleinen Teil des Selbst.

Im spürenden Kontakt mit Papier, Wasserfarben oder Bleistift sind alle Sinne beteiligt. Ich sehe. Ich höre. Ich rieche. Ich schmecke. Ich spüre. Zu meinem Glück ist diese Übung in meinem Leben eine Selbstläuferin. Ich schreibe und kritzele jeden Tag. Wer das nicht tut, kann ja heute mal etwas sorgsam aufschreiben. Einkaufszettel, Postkarte oder Tagebuch. Wünsche Freude damit.

Schreib:Tisch

Schreib:Tisch in action!

I had a dream, – den Traum eines eleganten, kleinen Schreibtisches. An selbigem sitze ich, ebenfalls elegant, und schreibe in schönster Schrift auf bestem Papier.

Meine Schreibtische sind in Wahrheit Multifunktions:Tische. Kommt das eine drauf, muss das andere weichen.

Am Jugendschreibtisch, eine Modernisierung in den 70iger Jahren, schleppe ich mich durchs Abitur. Am Resopalküchen-WG-Tisch schleppe ich mich durchs Examen. Der riesige Birnenholzschreibtisch für LinkshänderINNEN (ein runder Auszug auf der rechten Seite!) trägt mich durch die berufliche Selbständigkeit. Einen uralten Küchen:Tisch schleppe ich mit meiner Schwester im Jahr 2015 aus einem französischen Second-Hand-Laden. Ein motivierter Schreiner ohne Farb:Gefühl restauriert ihn. Aktuell scheint das der Höhepunkt meiner Schreib:Tisch:Reise zu sein. Die PC-Anlage nimmt 20% in Beschlag. Fast jeden Tag räume ich den Tisch leer, damit meine Augen sich ausruhen können. Für größere Arbeiten ist er zu schmal und so packe ich die Weihnachtspakete auf dem Fußboden.

Ob es einen perfekten Tisch gibt? Will ich einen solchen Alleskönner? Einen Tisch nur zum Schreiben benötige ich wohl garnicht. Das ist nur eine weitere Selbst:Wunsch:Vorstellung. Ich kann überall schreiben und Pakete verpacken.

word:press:danke:schön oder: von den Wort:Perlen

Vor sechs Wochen habe ich begonnen, über WordPress meine Tagesfundstücke zu schreiben. Zuerst ist es ein Ersatz für den Verlust meiner Tagebuch-Freundin-Mitleserin, für meine Muse, die mich Tag um Tag 14 Jahre lang schreiben ließ.

In der nächsten Phase will ich, dass alle Verwandten und FreundINNEN und alle, die mich kennen, mir nun lesend „folgen“ . Das dauert nur zwei Tage! An diesen Tagen habe ich viele Anrufe zu tätigen, um zu überzeugen, dass es mir wirklich gut gehe.

In der dritten Phase entdecken die mir fremden Menschen meine Worte. Aufregend, unerwartet, kurze Eitelkeitsbepinselung.

Die vierte Etappe bei WordPress bringt eine Überraschung: die Kommentare. Auf hohem und wohlgesinnten Niveau reagieren Menschen auf meine Worte, auf mein Leben, auf mich. Es entsteht Resonanz, wie man heute so sagt. Dafür möchte ich heute ein sehr inniges Dankeschön sagen. Es sind Wort:Perlen im großen, schnellen Zuviel. Ein besonders Dankeschön an Nanett, die täglich zurückschreibt und mir wiederum ihre Worte schenkt.

wie es beginnt…

Über Jahre schreibe ich Tagebuch für mich. Eine erkrankte Freundin liest mit. Auf dem Speicher stehen bereits 15 prall gefüllte Kisten. Zu Weihnachten 2018 teilt meine Freundin mir mit, dass sie „nicht mehr zwei Leben leben kann und mit ihrem eigenen vollauf ausgelastet sei“. Verständlich. Bloß, ….

nabel:ketten:schnüre aus worten

gefühle auf papier gebannt für mich. für dich.

4000 tage entlang geschrieben heute setzt du den durch:schnitt an

mein füller harrt der silben und das blatt starrt mich wortlos an

bin allein und wortlos

wo werden meinen worte neue heimat finden?

Statt langer Tagebuchsätze schreibe ich Diamantwörter.

Es tut wohl, sie zu teilen.