der alte Übersee:Koffer

der alte Übersee:Koffer

Der geräumige Über:See:Koffer, ein Geschenk meiner Großmutter Jela zierte mein Kinder- und Jugend:Zimmer. Groß genug, dass wir Kinder uns zu zweit darin verstecken konnten. Ein Spielzeug für Kinder. Später füllte meine Großmutter ihn mit meiner Aussteuer, Teller, Eierbecher und Handtücher. Mit der Aus:Steuer, ohne Koffer, zog ich unverheiratet aus. Eines Tages fragt meine Mutter an, ob ich den Übersee:Koffer noch benötige, sonst käme er endlich weg! In der studentischen Leichtigkeit des Wohnens antworte ich forsch: “ Weg damit, kann ich nicht brauchen!“

Heute, gerade heute vermisse ich diesen alten Reisekoffer. Die nie aufgeklärten Familienlegenden von Onkel Helmuts Amerika:Reise und dem Verlassen Schlesiens bleiben im Dunklen liegen. Heute, gerade heute vermisse ich meine Großmutter, meine Mutter und meinen Bruder. Säße gern mit ihnen auf dem alten Überseekoffer!

himmel:farb:ton

In einem Museum im fernen französischen Hinterland gab es eine Ausstellung. Orte und Namen sind mir längst entfallen. Eine Kunst:Arbeit rührte jedoch tief. Ein Maler malt den Himmel. Tag und Tag. Auf Schieferplatten, die im verfallenen Nachbarhaus zur Genüge herum liegen. Steht man vor den „Farben des Himmels“ ist der erste Eindruck: „wie unrealistisch ist das denn!“

Indem man verweilt, sich Tafel um Tafel zu Gemüte führt, beginnen sich Erinnerungsbilder zu formen. Ja, ein kalter Herbstabend kann rosa sein, der Sommerhimmel an meinem Geburtstag ist vom knalligsten Blau, das die Welt kennt.

Mich rührt die Idee. Mich rührt das Material. Mich rührt das „tagumtag“. Mich rührt es, in den Himmel zu schauen und seine Farbigkeiten zu ergründen und festzuhalten. Mich rührt heute am meisten, dass der Himmel immer da ist.

Mut zum Verlust


Tagtäglich gibt es Momente von Verlustangst, ich bin in einer Dauererwartung und Anspannung. Der vermeintliche Schutz besteht aus mehreren Strategien: schneller sein als ein möglicher Verlust, weg zu sein, bevor es zum Verlust kommt, Mißtrauen und Selbstrücknahme. Sowohl die passiven als auch die aktiven Verluste sind schwärende Wunden und ich nehme alles persönlich, um in Schuldgefühlen abzutauchen.

Meine Idee für eine Umkehrhaltung:

Ich distanziere mich von den früheren Verlusten, wenn mir etwas Ähnliches anmutet, lasse ich das Gefühl dazu frei und enthülle die Muster.

Maßnahme 1: Distanz zur Erinnerung herstellen

Meine Eltern, Kriegskinder, waren einem Gewitter an Tragödien und Verlusten ausgesetzt. Auf mir, der Erstgeborenen, bildete sich alles ab, Todesfälle, Trauma, Verluste, schwerwiegende Entscheidungen. Die Eltern hofften, dass ich, weil ein Kind, alles vergessen würde.

In mir aber sammelte sich die Gewissheit, dass ich nicht bei geliebten Menschen bleiben darf, dass niemand bei mir bleibt, und ich immer elternseelenalleine in die Fremde geschickt werde…

Und eines späteren Tages begann ich selber, Fremdheit und Heimatlosigkeit in meinem Leben zu erzeugen, stellte das kindliche Erleben ständig nach. Entfremdete mich von mir, von meiner Familie, von Beziehungen, Arbeitsstellen und Regionen. Das tue ich zum Teil bis heute.

Diese distanzierte, auffallende Haltung wirkt auf andere eher „chic & frei“ und man nimmt an, ich sei eine starke, ausdrucksvolle Persönlichkeit. Mein Erleben hingegen: misstrauische Entfremdungen und ansehnliche Angstberge, auszehrende Wiederholungen, nicht immer kann ich schnell weg sein, bevor ein Verlust mich einholt.

Ja, ich habe Schlimmes erlebt und meinen Eltern hatten nicht die für mich richtigen Ideen für meinen seelischen und körperlichen Schutz, aber wie kitte ich heute diese Wunden? Ich möchte diese fatalen Türme zum Einsturz bringen. Ich spüre, dass die Verlustangst auf dünnerem Eis steht und setze eine neue Lichtboje https://diamantwoerter.blog/2019/02/20/lichtbojen/Lichtboje:

die Sanftmut.

Maßnahme 2: die Sanftmut

Mut trägt viele Kleider. Ich dachte immer, wenn ich mich aggressiv und wehrhaft einkleide, hätte ich eine schützende Form entwickelt. Das liegt aber nicht in meinem Wesen.

Lausche lange dem Wort Sanftmut nach und binde mir einen erstaunlichen Mut-Strauß zusammen:

Lebens:MUT

An:MUT

Gleich:MUT

Groß:MUT

De:MUT

Über:MUT.

Ich bin ein MU_TIGER Mensch, brauche mich nicht vor Verlusten und anderen Popanzen zu fürchten.

Mein MUT ist anders, aber sehr stark. Das macht mich frohgemut!!

Erinnerungsgedankenreste

eine Gefühlserinnerung kann eine verschlossene Türe sein
oder der Eingang zu einem Paradies. Wähle selbst!

Eine Gefühls:Erinnerung aus dem Wahrheitendurcheinander:

  „eine mütterliche Liebe
liegt nicht
als schützender Segen
auf meinem Leben. „

Schwer, Kind zu sein. Schwer, erwachsen zu werden.

Heute erschlage ich diese Erinnerung.

Sitze inmitten der Bruchstücke.

Fege die Spiegelsteine zusammen.

Verlasse für immer diesen Ort.

Ein Spiegelbild weniger.