digitale Medizin

Sitze in einer modernen Arztpraxis. Farbkonzept entspricht einem Nobel:Hotel. Schicke Assistentinnen. Lange, weiß getünchte Gänge in mich erschreckender Monotonie. Silbern glänzende Tür:Beschriftungen. Das Labor heißt nun SCIENCE. Das gute alte Wartezimmer findet sich hinter der Tür mit der Aufschrift ZEITRAUM. Papierlosigkeit ist angestrebt. Individuelle Tablets sind auszufüllen.

Sehe mir den einzigen Stör:Faktor an, die PatientINNEN. Wir wirken wie Kaffee:Flecken auf einer guten weissen Sonntagstischdecke.

ZEIT 6 – Uhr:Zeit

stehende Küchen:Uhren.

Mein Haus ist gefüllt mit Uhren, deren Zeiger stehen. Eine tickende und blinkende Uhr zeigt mir nur das Nicht-Aufzuhaltende. Mein Mann füllt hingegen das Haus mit Funk:Uhren und Wetter:Stationen. Unser Haus ist SMART und Uhr:Zeitlos zugleich, im stillen, friedvollen Nebeneinander. Digitale Daten:Fülle wohnt neben ent:takteten Ziffernblättern. Wir sind zeitlos modern.

Haushalts:ZEN 27 – digitale Daten

digitale Daten im Überfluß

Meine Großeltern besaßen ein Dutzend Fotos. Meine Eltern legten Kinder:Alben und Reise:Alben an. Mein Foto:Weg beginnt mit einer Pocket:Kamera, plus aufgesetztem Blitz.12 Bilder reichen, um eine Reise duch Europa zu dokumentieren. Bis zum Einzug der Digital:Kamera gibt es mit echten Fotos bestückte Alben und Kalender. Am Hochpunkt der Digital:Kamera:Zeit schenkt mir mein Mann 300 unserer Fotos, die er hat entwickeln lassen, um mir die Foto:Welt habtisch und visuell erfahrbar zu machen. Das Projekt „Ein Album für ein Jahr“ gelingt mir, bis wir einen Welpen bekommen und ein neues Haus beziehen und in unbekannte Gegenden reisen und ich zur Kräutersammlerin werde usw.

JETZT gibt es Smartphones. Und ich bin in einem Meer aus Bildern untergegangen. Die Qual der Wahl hat mich verschluckt. Das ist mir alles zuviel. Regelrecht gefangen zwischen dem Vergnügen, Fotos zu machen und dem Wunsch nach Überschaubarkeit.

Seit einer Woche ziehen wir mutig mit einer mentalen Machete ausgerüstet durch unseren digitalen Besitz:Stand. Was ist wichtig? Wieviel ist davon wichtig? Ist es noch wichtig? Der digitale Müll füllt keine Schränke und keine Keller. Ihm ist schwieriger auf die Spur zu kommen und seinem unentwegten Raunen „Achtung, ich bin eine digitale Wichtigkeit!“ zu entgehen.

Im Irgendwo der Medien finde ich letzte Woche eine ungewöhnliche Idee. Ein paar Freunde gehen miteinander wandern. Sie beschließen KEINE Fotos zu machen. Stattdessen halten sie jede Viertel:Stunde kurz an, um die sie umgebende Landschaft zu zeichnen.