Pandemie: Zahlen über Zahlen

Ich bin kein Zahlen:Mensch. Seit der Pandemie richtet sich fast alles in meinem Leben und Denken um die Zahlen.

Neu:Infizierte, Todes:Fälle, Personen:Anzahl je Geschäft, Reproduktions:Zahl, reduzierte Öffnungs:Zeiten. Anzahl der Masken, die ich kaufen darf. Vorräte an Toilettenpapier, Nudeln und Trockenhefe. Höhe des Kurzarbeit:Geldes.

Zahlen verstehe ich nicht wirklich. Statistik ist mir kein leichtes Fach gewesen. Meine Begrifflichkeiten definieren sich über andere Größen:

_ es ist noch ein gutes Stück zu gehen

_ davon ein oder zwei Prisen

_ das kann noch dauern

_eine Menge Zeugs

_es sieht nach Regen aus

_ ich fühle eine Diskrepanz

Pandemie: kann mich mal jemand in den Arm nehmen?💏

Vieles ist zu entbehren. Manches ist gefährdet. Wie Phönix aus der Asche erkennen wir, wie lebens:erhaltend es ist, z.B. EIN BAD IN DER MENGE ZU NEHMEN und ein GROUP HUG (Gruppen:Umarmung) zu veranstalten. Jemandem die Hand reichen. Ein masken:freies Schwätzchen zu halten. Eine innige, endlose Umarmung zu geben/zu erhalten.

Lauter so schöne Sachen eben! Schicke mal einen group hug zu den diamantwörter:LeserINNEN.

Pandemie: Stress schlägt Stress🙈🙉🙊

Heute morgen stehe ich unter starkem emotionalen Stress. Alle üblichen Hilfsmittel taugen nichts.

Aber dann, eine pandemische Idee: ich gehe Besorgungen machen. Das ist solch ein Stress, dass ich meinen Kummer vergessen könnte.

Ich kann nur sagen: das hat mal richtig gut geklappt. Gedränge beim Altglas. Dreier:Warte:Reihen bei der Ausgabe von Masken. MüssiggängerINNEN, die im Garten:Center zwischen der üblichen Enge und der neuen Ware mal so jede Geranien:Blüte persönlich begrüssen. Mir reichte es noch nicht und so lege ich den Stressor Discounter obendrauf.

Warum war ich heute morgen nochmal gestresst? Ich erinnere mich nicht. Das ist doch ein richtig verrückter Vorteil während der Pandemie!

Pandemie: Brei im Kopf

In der Fuss:GängerINNEN:Zone.

Die pausenlose Konzentration macht mich unkonzentriert. Ständig darauf zu achten, dass ich niemandem zu nahe kommen. Vorbei die Freude am Schau:FensterBummel.

In jedem Geschäft muss ich schnell erfassen, wie die neuen Regelungen sind. Eingänge sind nicht mehr einfach nur Einfall:Tore in Shopping:Freuden.

Zwei:Meter:Marken auf dem Boden. Hygiene:Stationen. Menschen:Schlangen. Sicherheits/Security:Uninformierte. Im Abseits aufgebaute Kassen. Heimgewerkelte Plexiglas:Scheiben:Abtrennungen. Plastik:Handschuhe und Spielarten von Mund:Nasen:Schutz:Masken.

Es ist so anstrengend, so sperrig und so nervig.

In der Küche liegen neuerdings Einkaufszettel mit den jeweiligen Aufschriften: „Drogerie“, „Baumarkt“ und „Supermarkt“. Wenn genug drauf steht, lohnt sich erst der Einkauf.

Ab heute erhöht sich die Unannehmlichkeit um den Faktor „Maske“. 😷😠

Pandemie: ist es noch weit?

Sonntags:Familien:Spazier:Gänge meiner Kindheit und frühen Jugendzeit beinhalteten eine gnadenlose Lange:Weile.

Die gebetsmühlenhaft wiederholte Frage „Ist es noch weit?“ wurde mit vermeintlichen Informationen gestopft.

„Etwa ein Viertel:Stündchen noch.“

„Es liegen nur noch sieben Kurven vor uns.“

„Je mehr Du fragst, desto länger dauert es.“

„Hier gibt es soviel zu sehen, Gras und Wolken z.B., das ist doch auch interessant.“

„Da will man Dir etwas bieten und Du hast die Chance etwas zu lernen. Das ist also der Dank.Nur wegen Dir machen wir uns diese Mühe.“

„Wenn Du aufhörst zu fragen, gibt es später eine Limo.“

Ich habe seit Wochen das Gefühl von „täglich grüßt das Murmeltier“. In einer Endlos:Schleife eines kindlichen Ausflugs zu sein. Ausgeliefert. Machtlos. Gleichzeitig voller Vertrauen und Hoffnung auf ein gutes Ende.

Pandemie: die alte Frau Schmidt🌷

Begegne Frau Schmidt heute morgen. Sie wirkt müde. Ihre Augen sind eingefallen. Schwerfällig schiebt sie ihren Rollator die Straße entlang.

Rufe ihr ein lautes „Hallo!“ zu.

Sie hebt unsicher den Kopf. Erkennt mich. „Wie gerne würde ich Sie jetzt knuddeln!“ Ihr Kopf senkt sich wieder. „Ich Sie auch!“ erwidere ich.

Mit einem intensiven erneuten Blick zieht sie mich in ihren Bann. Schlägt sich die Hand vor den Brustkorb und sagt mit tränenerstickter Stimme: „Ich halte diese Stille kaum mehr aus. Wenn nur diese Stille nicht wäre.“

Mir kommen die Tränen im Angesicht ihrer Einsamkeit, die der Pandemie geschuldet ist. Zupfe rasch eine der letzten Tulpen aus dem Vorgarten und reiche sie ihr hinüber.

Sie setzt ihren Weg fort.

Ich weiß nicht, ob ihre Kräfte reichen werden bis zur Rückkehr in eine relative Normalität. Ob sie der sozialen Distanzierung stand halten kann. Ob wir uns wiedersehen werden zum gemeinsamen Singen und Lachen. Ich weiß es nicht.