trauer:gewöhnung

beim täglichen blick auf die weite des meeres fehlt mir mein hund. in jedem tier sehe ich sie. im entspannten retriever, der im weg liegt und döst. in der art, wie die see:hunde ins wasser springen. an der art, wie die schafe auf der deich:krone unermüdlich fressen. in der art, wie die kühe sich niederlegen. gestern habe ich das endlich verstanden. es ist keine übersteigerte verlust:reaktion. das, was ich in all diesen verschiedenen tieren „wieder“:erkenne, ist das universelle, das, was alle lebe:wesen verbindet und das, was ich in meiner liebe zu meinem hund (er-)lebte.

zum ersten mal, seit dem tod meines hundes im april, kann ich den verlust etwas besser ertragen.

takt:los

„Takt: ‘Berührung, Tastsinn’ (1. Hälfte 16. Jh.) ‘regelmäßiger, durch eine Berührung ausgelöster Schlag von Uhren’ (2. Hälfte 16. Jh.), ‘Schlag, der den Rhythmus angibt’ (Ende 16. Jh.) „

Quelle: https://www.dwds.de/wb/Takt

neuerdings gerate ich schnell aus dem takt. benötige tage um meine taktung zurückzuholen. fand es mal aufregend, aus dem takt zu geraten. neuerdings ist der eigene takt der absolut notwendige lebens:rhythmus. die beruhigende berührung, der sanfte schlag, der den takt vorgibt und dem ich ruhig folgen kann.

der alte Übersee:Koffer

der alte Übersee:Koffer

Der geräumige Über:See:Koffer, ein Geschenk meiner Großmutter Jela zierte mein Kinder- und Jugend:Zimmer. Groß genug, dass wir Kinder uns zu zweit darin verstecken konnten. Ein Spielzeug für Kinder. Später füllte meine Großmutter ihn mit meiner Aussteuer, Teller, Eierbecher und Handtücher. Mit der Aus:Steuer, ohne Koffer, zog ich unverheiratet aus. Eines Tages fragt meine Mutter an, ob ich den Übersee:Koffer noch benötige, sonst käme er endlich weg! In der studentischen Leichtigkeit des Wohnens antworte ich forsch: “ Weg damit, kann ich nicht brauchen!“

Heute, gerade heute vermisse ich diesen alten Reisekoffer. Die nie aufgeklärten Familienlegenden von Onkel Helmuts Amerika:Reise und dem Verlassen Schlesiens bleiben im Dunklen liegen. Heute, gerade heute vermisse ich meine Großmutter, meine Mutter und meinen Bruder. Säße gern mit ihnen auf dem alten Überseekoffer!

Hör:Sturz

Hör:Sturz

Nachdem mein Gehör gestürzt ist, sind alle anderen Sinne verwirrt und schlecht orientiert. Indem nichts zu hören ist, wird der Raum hinter dem Körper zu einem unangenehmen Stille:Raum. Alles, was von hinten kommt, kommt auf leisen Sohlen daher und seht „plötzlich“ vor den Augen. Die davon unangenehm überrascht werden. Sie können eben nicht nach hinten gucken. Die Nase nimmt wenig Duft auf, als wäre sie mit dem Ohren solidarisch. Es schmeckt mir nichts, weil der „Gehörlos:Eimer“, der meinen Kopf umfaßt, nur wenige Sinnes:Eindrücke durchläßt.

Die Welt und ich sind gerade schlecht verbunden, die Stille höchst unfreiwillig.

unbedingt lesen!

Als Linkshänderin ist die rechte Seite, mit Schulter, Arm und Hand stets das mir Aufgezwungene, die Seite der Anpassung, der Behinderung und des Überlebens. Rechts ist kein Teil von „uns“, dem restlichen Körper. Ein missachtetes, grobmotoriges Funktionsglied, das Schwerstarbeit leisten muss. Gestern spüre ich zum ersten Mal, das „rechts“ Hilfe braucht, das es zu mir gehört.

Wie es begann….

Linkshändig in die Welt hineingeboren, in eine Welt des schweigsamen Leugnens um die Existenz der Linkshändigkeit. Schnell ist klar, dass ich alleine und „nicht richtig“ bin.

Umschulung unter großen Schmerzen. Eine Kette von Unzulänglichkeiten die MIR angekreidet wird.

z.B. in der Grundschule – Du hast keine schöne Schrift! – Du hast keine Begabung für Handarbeiten! – Du bist unfähig, ein Instrument zu erlernen!

z.B. zuhause – So macht man das nicht! – Gibt doch endlich das schöne Händchen! – Du kannst nichts richtig!

z.B. auf dem Gymnasium – Dauerdiagnose „Sehnenscheidenentzündung“ ohne dass auffällt, dass es sich wohl um eine Spring-Erkrankung handelt, mal rechts, mal links. Über Monate habe ich wechselseitig eingegipste Handgelenke.

Irgendwann ist´s vollbracht, ich fühle mich von Grund auf falsch, unzulänglich und zu blöd für alles. Niemand, niemand, niemand bringt meine Schwierigkeiten mit der Händigkeitsvergewaltigung in Verbindung. Zu meinem Glück bin ich mit soviel Intelligenz und Kreativität ausgestattet, dass ich die zugefügte, geleugnete Behinderung soweit überwinden kann, dass es ausreicht für Schule, Studium und Jobs.

In meinen 30iger Lebensjahren beginnen die Alpträume von Türen, die ich öffnen muss, aber mich nicht erinnern kann, welche Hand die richtige dafür ist. Wieder zwei einbandagierte Handgelenke. Beginne eine Therapie. Meine Therapeutin lässt sich widerwillig auf das Thema ein, das stockend aus mir heraus bricht. Sie hat Angst, es könne sich um eine Verdrängung meinerseits handeln. Niemand, niemand, niemand weiß etwas über Händigkeit außer einer wackeren Psychologin in München.

Eine „Kolumbus“-Zeit beginnt.

Ich entdecke, dass Vater, Großmutter und Bruder linkshändig sind, es jedoch nicht wahrnehmen.

Ich entdecke, dass die bevorzugte Handnutzung das Symptom einer Gehirnhemisphärendominanz ist.

Ich entdecke, dass fast alles, was mit links verbunden ist, Geschichte, Technik, Sprache usw. negativ belegt ist: zwei linke Hände linkisch Ehefrau zur Linken.

Ich entdecke, dass die materielle Welt auf rechts ausgerichtet ist. Ich bin also nicht zu blöd, um eine Schraube einzudrehen, einen Herd anzumachen oder den Zahlenblock an der PC-Tastatur zu bedienen.

Ich entdecke, dass der Kurs, den ich gebucht habe „linksherum und ungezähmt“ gar nicht um Linkshändigkeit geht, sondern das alle den Walzer linksherum lernen wollen.

Werde sehr, sehr zornig und sehr, sehr traurig. Beginne zu reden, auch wenn ich dabei immer in ungläubige Gesichter zu gucken habe. Stelle meinen Vater zur Rede, gebe Radiointerviews und Seminare, gründe eine Selbsthilfegruppe. Rüste meinen Haushalt linkshändig nach, Lineal, Portemonnaie, Messer, Füller, Korkenzieher, externer Zahlenblock.

Eine Rückschulung auf die ehemals dominante Hand misslingt gründlich, mein Gehirn ist zu beschädigt, revanchiert sich mit massiven sprachlichen Aussetzern. Ich entdecke mit Bestürzung, dass ich zur Anpassung mindestens das Doppelte an Energie aufbringen muss, weil ich in einer mir nicht passenden Welt zurechtzukommen habe. Der Haushalt wird wieder auf „rechts“ zurückgefahren, denn es hat mich maßlos erschöpft, in zwei Welten gleichzeitig zu leben.

Bitterer Rückzug im Wissen, dass ich keine Chance habe, in eine kleine, heile, linke Welt zurückzukehren. Und versuche ein gutes Leben im falschen Leben zu organisieren, mit überkreuzten Armen.

Erlaube mir, meine „Lateralität“ zu leben. Einer Linkshänderin, umgeschult, erfolglos rückgeschult in einer rechtsdominierten Welt, wo nichts auf Anhieb oder bloß mal „einfach“ zu mir passt. Einer Linkshänderin mit einer rechten Dominanz im Gehirn, dort, wo die Bilder wohnen, die ich übersetze, um mich verständlich zu machen.

Und gestern ist etwas sehr Besonderes geschehen. Meine selbstbewusste Identität als Linkshänderin, die beide Hände mittlerweile sehr gut benutzen kann, ist um einen bisher vernachlässigten Aspekt vollendet worden. Die rechte Hand habe ich immer als ungeliebtes Ersatzgliedmaß behandelt, obwohl diese grobmotorige Seite alles mitgetragen hat, sie hat schier Unmögliches gelernt und immer ausgeglichen. Geerntet hat sie dafür bisher Undank und Missachtung. Verstellte Blickwinkel. Das Licht immer auf der Schmach der Behinderung.

Ab heute ist die rechte Hand mit im Team! Verfüge über zwei ausdrucksstarke Hände, die Hand in Hand arbeiten, die beide ihr Schicksal tragen. Mit der Aufhebung von falsch und richtig beende ich den schmerzhaften Lebens:Kampf. Genieße das Glück, zwei „gute“ Hände zu haben.

Dankeschön an Nicole.

Vom Verlust

Wosinddieverlorengegangenen Tagewiederzufinden?

AufdemPlanetenderverlorenenTagetreffeichniemandenan.


Alles & alle

können verlustig gehen.

Autoschlüssel & Lebenssinn

Gesundheit & Zukunft

Freundschaft & Arbeitsplatz.

Töricht-menschlich zu glauben,

es gäbe einen Schutz vor Verlust

oder man wäre für den Verlust nicht erreichbar

Den letzten Verlust reißt für jeden der Tod.

Im Abhandenkommen fällt

ehemaliger Besitz

aus den Händen zu Boden.

Blank und verletzbar bis auf die Knochen.

Das „ohne…“ übernimmt das Sagen.

Nach dem Verlust

Es reicht zu atmen.

Es reicht zuzuhören.

Es reicht auszusprechen.

Es reicht auf Schönes zu sehen.

Es reicht den Wind zu fühlen.

Nach dem Verlust reicht es (noch) am Leben zu sein.

Der Ausweg

 Im Verlust versteckt sich LUST.

Die Lust beherbergt den Weg.

Zum Weitermachen, für einen Neuanfang,

zum Suchen und Aufräumen.

Zum Weiterleben. Zum guten Leben.

Zum Verzeihen und zum Friedenschließen.