ein:halt


Halt geben können uns in erster Linie jene, die viel von uns halten.
© Ernst Ferstl (*1955), österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker
Quelle: Ferstl, Zwischenrufe, 2000

HALT ist ein ungewöhnlich vielseitiges Wort, über das ich in diesen „verHALTenen“ Tagen nachdenke. HALT als Anweisung zum „inneHALTen“, einander HALT geben in überfordernden Tagen.

DurchHALTeparolen bekommen wir gratis und täglich. HALTende Worte, Umarmungen und Hilfsangebote ebenso. Danke dafür.

AusHALTen scheint die Option der Stunde, ebenso wie durchHALTen und standHALTen. Alles klingt verHALTEN. Unter VorbeHALT werden wir von unserem LebensinHALT und unserem HausHALT gehalten.

Baby Sinclair: „nicht die Klinik!“


ein sperriger Weg

Entdecke gerade auf der therapeutischen Ebene, das meine Traumata auf drei reale Krankenhausaufenthalte in  der Kindheit zurückzuführen sind. Prompt kommt die Zusage zu meiner aktuellen Rehabilitation. Alle um mich rum klatschen vor Freude und Erleichterung: „Endlich geht es für Dich weiter!“. Danke, das stimmt auch. Natürlich sehe ich die einmalige Chance, weiterzugehen und vielleicht sogar den uralten Schmerz, der mein Leben einschwärzt, aufzulösen. Ich kann mich aber nicht so freuen…So oft ich das Wort „Klinik“ auch ausspreche, es bleibt sperrig und tippt sofort an die Paniktüre.

Habe die Idee, den heutigen Tag zu nutzen und zu einer nahe gelegenen REHA-Klinik zu fahren. Werde mich inkognito durch die Gänge schleichen und in offene Räume spinksen. Mich ein wenig gewöhnen, an das, was für mich zu einer real erinnerten Todeserfahrung gehört. Vielleicht kommt in meiner Seele endlich an, dass es ein grausames GEFÜHL ist, an das ich mich ERINNERE. Heute kann ich das umweben mit neuen Erfahrungen, mit halt:gebenden Gedanken.

Auszug aus meinem TraumaText dazu:

Damenwahl

habe so viele Jahre

mit Gevatter Tod getanzt

suche mir einen neuen Tänzer

unbedingt lesen!

Als Linkshänderin ist die rechte Seite, mit Schulter, Arm und Hand stets das mir Aufgezwungene, die Seite der Anpassung, der Behinderung und des Überlebens. Rechts ist kein Teil von „uns“, dem restlichen Körper. Ein missachtetes, grobmotoriges Funktionsglied, das Schwerstarbeit leisten muss. Gestern spüre ich zum ersten Mal, das „rechts“ Hilfe braucht, das es zu mir gehört.

Wie es begann….

Linkshändig in die Welt hineingeboren, in eine Welt des schweigsamen Leugnens um die Existenz der Linkshändigkeit. Schnell ist klar, dass ich alleine und „nicht richtig“ bin.

Umschulung unter großen Schmerzen. Eine Kette von Unzulänglichkeiten die MIR angekreidet wird.

z.B. in der Grundschule – Du hast keine schöne Schrift! – Du hast keine Begabung für Handarbeiten! – Du bist unfähig, ein Instrument zu erlernen!

z.B. zuhause – So macht man das nicht! – Gibt doch endlich das schöne Händchen! – Du kannst nichts richtig!

z.B. auf dem Gymnasium – Dauerdiagnose „Sehnenscheidenentzündung“ ohne dass auffällt, dass es sich wohl um eine Spring-Erkrankung handelt, mal rechts, mal links. Über Monate habe ich wechselseitig eingegipste Handgelenke.

Irgendwann ist´s vollbracht, ich fühle mich von Grund auf falsch, unzulänglich und zu blöd für alles. Niemand, niemand, niemand bringt meine Schwierigkeiten mit der Händigkeitsvergewaltigung in Verbindung. Zu meinem Glück bin ich mit soviel Intelligenz und Kreativität ausgestattet, dass ich die zugefügte, geleugnete Behinderung soweit überwinden kann, dass es ausreicht für Schule, Studium und Jobs.

In meinen 30iger Lebensjahren beginnen die Alpträume von Türen, die ich öffnen muss, aber mich nicht erinnern kann, welche Hand die richtige dafür ist. Wieder zwei einbandagierte Handgelenke. Beginne eine Therapie. Meine Therapeutin lässt sich widerwillig auf das Thema ein, das stockend aus mir heraus bricht. Sie hat Angst, es könne sich um eine Verdrängung meinerseits handeln. Niemand, niemand, niemand weiß etwas über Händigkeit außer einer wackeren Psychologin in München.

Eine „Kolumbus“-Zeit beginnt.

Ich entdecke, dass Vater, Großmutter und Bruder linkshändig sind, es jedoch nicht wahrnehmen.

Ich entdecke, dass die bevorzugte Handnutzung das Symptom einer Gehirnhemisphärendominanz ist.

Ich entdecke, dass fast alles, was mit links verbunden ist, Geschichte, Technik, Sprache usw. negativ belegt ist: zwei linke Hände linkisch Ehefrau zur Linken.

Ich entdecke, dass die materielle Welt auf rechts ausgerichtet ist. Ich bin also nicht zu blöd, um eine Schraube einzudrehen, einen Herd anzumachen oder den Zahlenblock an der PC-Tastatur zu bedienen.

Ich entdecke, dass der Kurs, den ich gebucht habe „linksherum und ungezähmt“ gar nicht um Linkshändigkeit geht, sondern das alle den Walzer linksherum lernen wollen.

Werde sehr, sehr zornig und sehr, sehr traurig. Beginne zu reden, auch wenn ich dabei immer in ungläubige Gesichter zu gucken habe. Stelle meinen Vater zur Rede, gebe Radiointerviews und Seminare, gründe eine Selbsthilfegruppe. Rüste meinen Haushalt linkshändig nach, Lineal, Portemonnaie, Messer, Füller, Korkenzieher, externer Zahlenblock.

Eine Rückschulung auf die ehemals dominante Hand misslingt gründlich, mein Gehirn ist zu beschädigt, revanchiert sich mit massiven sprachlichen Aussetzern. Ich entdecke mit Bestürzung, dass ich zur Anpassung mindestens das Doppelte an Energie aufbringen muss, weil ich in einer mir nicht passenden Welt zurechtzukommen habe. Der Haushalt wird wieder auf „rechts“ zurückgefahren, denn es hat mich maßlos erschöpft, in zwei Welten gleichzeitig zu leben.

Bitterer Rückzug im Wissen, dass ich keine Chance habe, in eine kleine, heile, linke Welt zurückzukehren. Und versuche ein gutes Leben im falschen Leben zu organisieren, mit überkreuzten Armen.

Erlaube mir, meine „Lateralität“ zu leben. Einer Linkshänderin, umgeschult, erfolglos rückgeschult in einer rechtsdominierten Welt, wo nichts auf Anhieb oder bloß mal „einfach“ zu mir passt. Einer Linkshänderin mit einer rechten Dominanz im Gehirn, dort, wo die Bilder wohnen, die ich übersetze, um mich verständlich zu machen.

Und gestern ist etwas sehr Besonderes geschehen. Meine selbstbewusste Identität als Linkshänderin, die beide Hände mittlerweile sehr gut benutzen kann, ist um einen bisher vernachlässigten Aspekt vollendet worden. Die rechte Hand habe ich immer als ungeliebtes Ersatzgliedmaß behandelt, obwohl diese grobmotorige Seite alles mitgetragen hat, sie hat schier Unmögliches gelernt und immer ausgeglichen. Geerntet hat sie dafür bisher Undank und Missachtung. Verstellte Blickwinkel. Das Licht immer auf der Schmach der Behinderung.

Ab heute ist die rechte Hand mit im Team! Verfüge über zwei ausdrucksstarke Hände, die Hand in Hand arbeiten, die beide ihr Schicksal tragen. Mit der Aufhebung von falsch und richtig beende ich den schmerzhaften Lebens:Kampf. Genieße das Glück, zwei „gute“ Hände zu haben.

Dankeschön an Nicole.

Mut zum Verlust


Tagtäglich gibt es Momente von Verlustangst, ich bin in einer Dauererwartung und Anspannung. Der vermeintliche Schutz besteht aus mehreren Strategien: schneller sein als ein möglicher Verlust, weg zu sein, bevor es zum Verlust kommt, Mißtrauen und Selbstrücknahme. Sowohl die passiven als auch die aktiven Verluste sind schwärende Wunden und ich nehme alles persönlich, um in Schuldgefühlen abzutauchen.

Meine Idee für eine Umkehrhaltung:

Ich distanziere mich von den früheren Verlusten, wenn mir etwas Ähnliches anmutet, lasse ich das Gefühl dazu frei und enthülle die Muster.

Maßnahme 1: Distanz zur Erinnerung herstellen

Meine Eltern, Kriegskinder, waren einem Gewitter an Tragödien und Verlusten ausgesetzt. Auf mir, der Erstgeborenen, bildete sich alles ab, Todesfälle, Trauma, Verluste, schwerwiegende Entscheidungen. Die Eltern hofften, dass ich, weil ein Kind, alles vergessen würde.

In mir aber sammelte sich die Gewissheit, dass ich nicht bei geliebten Menschen bleiben darf, dass niemand bei mir bleibt, und ich immer elternseelenalleine in die Fremde geschickt werde…

Und eines späteren Tages begann ich selber, Fremdheit und Heimatlosigkeit in meinem Leben zu erzeugen, stellte das kindliche Erleben ständig nach. Entfremdete mich von mir, von meiner Familie, von Beziehungen, Arbeitsstellen und Regionen. Das tue ich zum Teil bis heute.

Diese distanzierte, auffallende Haltung wirkt auf andere eher „chic & frei“ und man nimmt an, ich sei eine starke, ausdrucksvolle Persönlichkeit. Mein Erleben hingegen: misstrauische Entfremdungen und ansehnliche Angstberge, auszehrende Wiederholungen, nicht immer kann ich schnell weg sein, bevor ein Verlust mich einholt.

Ja, ich habe Schlimmes erlebt und meinen Eltern hatten nicht die für mich richtigen Ideen für meinen seelischen und körperlichen Schutz, aber wie kitte ich heute diese Wunden? Ich möchte diese fatalen Türme zum Einsturz bringen. Ich spüre, dass die Verlustangst auf dünnerem Eis steht und setze eine neue Lichtboje https://diamantwoerter.blog/2019/02/20/lichtbojen/Lichtboje:

die Sanftmut.

Maßnahme 2: die Sanftmut

Mut trägt viele Kleider. Ich dachte immer, wenn ich mich aggressiv und wehrhaft einkleide, hätte ich eine schützende Form entwickelt. Das liegt aber nicht in meinem Wesen.

Lausche lange dem Wort Sanftmut nach und binde mir einen erstaunlichen Mut-Strauß zusammen:

Lebens:MUT

An:MUT

Gleich:MUT

Groß:MUT

De:MUT

Über:MUT.

Ich bin ein MU_TIGER Mensch, brauche mich nicht vor Verlusten und anderen Popanzen zu fürchten.

Mein MUT ist anders, aber sehr stark. Das macht mich frohgemut!!

Sperrgebiet Depression

 

Belebte Häuser, geöffnete Fenster.

Tische & Stühle unter Apfelbäumen.

Menschenlachen und Gläserklirren.

Ein depressives Unwetter zieht auf und hinterläßt Verwüstung.

Umzäunt nun das Land.

Auf Schildern steht:

„Hier haust die Depression. Betreten verboten“

 

Verminte Wege

ausgeplünderte Vorratsräume

erschöpfte Menschen.

Erschüttert stehe ich Tag um Tag am Zaun.

An den guten Tagen werfe ich „Samenbomben“ hinüber.

 

Erinnerungsgedankenreste

eine Gefühlserinnerung kann eine verschlossene Türe sein
oder der Eingang zu einem Paradies. Wähle selbst!

Eine Gefühls:Erinnerung aus dem Wahrheitendurcheinander:

  „eine mütterliche Liebe
liegt nicht
als schützender Segen
auf meinem Leben. „

Schwer, Kind zu sein. Schwer, erwachsen zu werden.

Heute erschlage ich diese Erinnerung.

Sitze inmitten der Bruchstücke.

Fege die Spiegelsteine zusammen.

Verlasse für immer diesen Ort.

Ein Spiegelbild weniger.




Wortdrehereien oder: das habe ich nicht verdient!


Das hast du verdient!

Ja, das habe ich verdient.

Das geschieht dir recht!

Ja, das geschieht mir recht.

Das verdienst du nicht besser!

Ja, das verdiene ich nicht besser.

Das ist deine verdiente Strafe!

Ja, das ist meine verdiente Strafe.

Womit soll ich all´das verdient und verschuldet haben?

Kam doch ohne Schuld zur Welt.

Die großen Menschen suchten sich mich kleinen Menschen aus:

Das Lasten:Lager:Kind.

Verlor immer mehr das Recht

auf meine gefühlten und ausgesprochenen Gefühle.

DAS HABE ICH NICHT VERDIENT!!