Pandemie: familiärer Abgleich

Ich bin kein typischer Familien:Mensch. Brauche keine sonntäglichen Familienessen oder will immer wissen, wo gerade alle sind.

Und doch bin ich in der digitalen Familien:Gruppe die Erste, die nach einem familiären Abgleich fragt.💔

Das ist eine für mich schöne Entwicklung. Noch haben wir das Glück, dass es keinen infizierten oder erkrankten Menschen in diesem großen, äusserst bewegungsfreudigem Kreis gibt. Danke.

digitale Medizin

Sitze in einer modernen Arztpraxis. Farbkonzept entspricht einem Nobel:Hotel. Schicke Assistentinnen. Lange, weiß getünchte Gänge in mich erschreckender Monotonie. Silbern glänzende Tür:Beschriftungen. Das Labor heißt nun SCIENCE. Das gute alte Wartezimmer findet sich hinter der Tür mit der Aufschrift ZEITRAUM. Papierlosigkeit ist angestrebt. Individuelle Tablets sind auszufüllen.

Sehe mir den einzigen Stör:Faktor an, die PatientINNEN. Wir wirken wie Kaffee:Flecken auf einer guten weissen Sonntagstischdecke.

Zucker:Glück

Vor einem Jahr habe ich begonnen, den Zucker aus meinem alltäglichen Leben hinauszuschieben. Eine beachtliche Reduktion ist mir gelungen. Das ist mir recht leicht gefallen, die Motivation stimmt.

Gestern gibt es eine grosse Stress: Ansammlung.

Esse absichtsvoll und genussvoll ein Stück Kuchen. „Medizinische“ Zucker:Massnahme. Entspanne mich unmittelbar und sichtlich.

Das persönliche WOW ist, dass der Einsatz von Zucker in Form eines himmlischen Stück Kuchens als eine Art Medikament wirklich bei mir funktioniert. Das kleine Zucker:Glück.

Haushalts:ZEN – Relikte

Dickbäuchige Bücher:Schinken über meine Herkunftsheimat ruhen im Bücherregal. Laienhaft geschrieben, schlecht bebildert und von mäßigem Interesse. „Gehöfte im Wandel der Zeiten“ und „Mittelalterliche Strukturen am Rhein“. Bisher habe ich diese Bücher hin+her geräumt, ohne das sie einen guten, stabilen Platz zugewiesen bekommen hätten.

Sie sind mehr Relikte als lebendige Erzählkunst. Dieses schöne Wort stammt aus dem lateinischen relictum im Sinne von: zurückgelegt, abgelegt, zurückgelassen.

Wieviele Relikte brauche ich, um mich mit der Herkunftsheimat verbunden zu fühlen, mit der Herkunftsfamilie? Und wann wird aus einem Relikt eine Reliquie? Reliquiae, aus dem lateinischen stammend bedeutet ebenfalls Zurückgelassenes, Überbleibsel. Genutzt wird dieses Wort im Zusammenhang von religiöser Verehrung. Auf dem Grad zwischen diesen besonderen Worten lagern meine Heimatkunde:Bücher.

Was will ich damit tun? Anbeten? Weggeben? Meine Sehnsucht nach einer frischen Lebendigkeit im alltäglichen Leben ist größer als kultische Verehrung einer untergegangenen Vergangenheit, die nur noch in meinen Erinnerungen weiterlebt. Ich gebe sie weg und weiter. Und gehe selber ebenfalls weiter, beseelt von/mit einem großen Strauß vitaler Erinnerungen, für die ich keine Bücher brauche.

Haushalts:ZEN – Blusen

Wieso ist mein Schrank gefüllt mit „Gelegenheits:Blusen“? Für fein, für bunt, für flipppig, für farbig, für den Garten, für Weihnachten, für Sommer,…

Möchte gerne weniger Blusen besitzen. Doch jede ruft mir lautstark zu: „Bloß nicht mich, wer weiß, wann die Gelegenheit kommt, da wirst du mich schmerzlich vermissen!“

Blusen schreien lauter als Jacken oder Hosen. Sie sind der Hingucker und spielen sich in ihrer Bedeutung mächtig auf. Sie machen mich zur Närrin vor dem eigenen Kleiderschrank. Ich verhandele, ich lege zur Seite, ich drehe sie meiner Schwester an. Nichts führt mich zu dem Gefühl von aufgeräumten Behagen. Um was geht es hier? Was ist hinter dem Vorder:Gründigen für mich zu hören?

Bluse: „Wenn Du zu einem … dann….nicht vorbereitet….nichts zum Anziehen…“

Ich: „Da ist ein System zu erkennen. Die Lautesten von Euch sind die Blusen für ganz spezielle Anlässe. Es ist nie die casual-alltägliche Bluse!“

Bluse: „Blitzmerkerin! Und wenn Du uns weggibst, hast Du WIRKLICH nicht das Passende. Paß´bloß auf!“

Ich: “ Ich lasse mir von euch keine Angst machen. Die Angst verhindert, dass ich in der Lage bin zu spüren, welche Bluse ich mag und welche nur aus dem Gefühl eines immer währenden Vorbereitetseins oder längst vergangener Anlässe im Schrank hängt.“

Bluse: „Du wirst du wohl nicht,… nein!!!!“

Mit dem Risiko, Unpassendes anzuziehen kann ich gut leben. Mit dem überfüllten, lauten Blusenschrank nicht. Ich möchte die Kleiderbügel klappern hören. Raus mit allen ungeliebten Gelegenheitsblusen. Her mit dem Risiko!

ZEIT 8 – Verlust

„Ich habe Zeit verloren“ – das sagt man so. Weil ich nichts getan habe, das Falsche getan habe, zu lange für das Richtige brauchte?

Ich habe Zeit verloren, wessen Zeit? Meine? Die von anderen? Bloß Arbeits:Zeit oder sogar Lebens: Zeit?

Ich habe Zeit verloren. Bin nicht in Übereinstimmung mit mir, meinen Zielen und Wünschen. Falle in den Spalt hinunter, der diese trennt. Unten im Schacht verliere ich dann wirklich Zeit.

Tagebuch für eine Freundin

tage:bücher

Die Nachricht, meine Freundin Heike sei ins Koma gefallen, erschüttert mich tief. Ähnlich wie der Notarzt denke ich, es kann nicht sein, dass eine 39-jährige einen Schlaganfall erleidet. Die Tage des Komas dauern an. Ich warte. Ich bange. Greife zu meiner Form, der Seele einen Raum zu geben und beginne Tagebuch zu schreiben. Für „die andere Heike“. Die Tage und Momente, die sie im Koma liegt, ersetze ich ihr mit Sätzen aus meinem Leben. Schenke ihr ein wenig der verloren gegangen Zeit zurück. Es sind zunächst Briefe, lange, lange Briefe. Meine Seele beruhigt sich. Heikes Körper entlässt sie aus der gefangenen Stille. In meiner Erinnerung ist es so, dass ich von der anderen Heike ein schönes Tagebuch geschenkt bekomme. Eine stumme, eindrückliche Aufforderung, ihr weiter zu schreiben. Ich werde sie mal fragen, ob das wirklich so gewesen ist.

Mir macht das tägliche Schreiben mehr als Freude. Endlich habe ich eine Grund:Muse, die so stark motiviert, dass ich 15 Jahre durchschreibe, Tag für Tag. Es macht mich glücklich, für mich selber Tagebuch zu schreiben, genauso wie es mich glücklich macht, dass eine andere mitliest. Es ist ein reduziertes Tagebuch, ich lasse Bereiche unberücksichtigt. Es ist eben kein Tagebuch, sondern ein geteiltes Buch. Leben, lieben, sterben, – die Jahre ziehen dahin, unaufhörlich mit meinen Worten unterspült. Je nach Heikes Gesundheits:Stand treffen  wir uns 1-2 Mal im Jahr und dann redet sie! Sie ergänzt mit ihrem Leben und wir gehen beide, etwas überfüllt, aber im glücklichen Vollständigkeitsgefühl wieder auseinander. Mittlerweile haben Krankheiten Heikes Leben übernommen und unkalkulierbar gemacht. An Weihnachten 2018 kündigt sie mir das Tagebuchschreiben. Die Wucht meiner Worte sei zu schwer und drückend geworden. Der Freiraum in ihrem Leben soll still und leicht sein. Mir ist es, als hätte mir jemand die Nabelschnur ohne Ankündigung durchgeschnitten. Ich falle. Bis ich ein paar Wochen später bei WordPress reinfalle. Um zu gesunden von dem Abschied beschließe ich, ein Jahr lang täglich einen Post zu veröffentlichen. Einen Gedanken, einen Impuls. Nie viel. Nie alles. Immer etwas Wichtiges. Mit einem weinenden und einem zwinkernden Auge.

Die 200 Tagebücher liegen in Kisten auf dem Speicher. Überfordert stehe ich vor dieser Flut aus Worten und Heften. Wohin damit? Für die Familie? Eher nicht, zu nah. Tagebuchmuseum München? Nicht bedeutend genug. Der Funke: ich frage eine andere Freundin, ob sie Erbin meiner erzählt-aufgeschriebenen Jahre werden möchte. Sie entrümpelt gerade und bittet um Bedenkzeit. Während Daniela nachdenkt, archiviere ich alles, beklebe hübsche Schachteln. Spüre ein wenig Erleichterung darüber, dass es nun nicht noch mehr Kisten werden. Zwischendurch erwäge ich die Anmietung eines Lagerraums. Dann sagt Daniela ja! Mein Scheib:Projekt ist versorgt und beheimatet.

Mein erster Post:

nabel:ketten:schnüre aus worten

gefühle auf papier gebannt für mich für dich

4000 tage entlang geschrieben

heute setzt du den durch:schnitt an

mein füller harrt der silben und das blatt starrt mich wortlos an

bin allein und wortlos wo werden meinen worte neue heimat finden?

statt langer tagebuch:sätze schreibe ich diamant:wörter. Es tut wohl, sie zu teilen.