Pandemie: die alte Frau Schmidt­čîĚ

Begegne Frau Schmidt heute morgen. Sie wirkt m├╝de. Ihre Augen sind eingefallen. Schwerf├Ąllig schiebt sie ihren Rollator die Stra├če entlang.

Rufe ihr ein lautes „Hallo!“ zu.

Sie hebt unsicher den Kopf. Erkennt mich. „Wie gerne w├╝rde ich Sie jetzt knuddeln!“ Ihr Kopf senkt sich wieder. „Ich Sie auch!“ erwidere ich.

Mit einem intensiven erneuten Blick zieht sie mich in ihren Bann. Schl├Ągt sich die Hand vor den Brustkorb und sagt mit tr├Ąnenerstickter Stimme: „Ich halte diese Stille kaum mehr aus. Wenn nur diese Stille nicht w├Ąre.“

Mir kommen die Tr├Ąnen im Angesicht ihrer Einsamkeit, die der Pandemie geschuldet ist. Zupfe rasch eine der letzten Tulpen aus dem Vorgarten und reiche sie ihr hin├╝ber.

Sie setzt ihren Weg fort.

Ich wei├č nicht, ob ihre Kr├Ąfte reichen werden bis zur R├╝ckkehr in eine relative Normalit├Ąt. Ob sie der sozialen Distanzierung stand halten kann. Ob wir uns wiedersehen werden zum gemeinsamen Singen und Lachen. Ich wei├č es nicht.

15 Kommentare zu „Pandemie: die alte Frau Schmidt­čîĚ

    1. Alle geselligen Anl├Ąsse sind f├╝r sie weggefallen, gemeinsame Mittagessen, Gottesdienste, SeniorINNEN:Veranstaltungen. Auch die Beerdigungen. Ihre Kinder k├╝mmern sich gut um die allt├Ągliche Versorgung. Aber,… Ich werde diesen Moment nie vergessen..
      Danke f├╝r Deine Resonanz.

      Gef├Ąllt 5 Personen

      1. Und da weder telefonischer noch virtueller Kontakt das wettmachen k├Ânnen, fehlt dann eigentlich alles, was es zum Leben (wohlgetrennt vom ├ťberleben) braucht. Das haben introvertierte (und dar├╝ber hinaus junge) Leute wie ich nicht so richtig auf dem Schirm.
        Dazu kommt eine nagende Ungewissheit, bei euch beiden, die in mir den Wunsch weckt, euch beide in den Arm zu nehmen.

        Gef├Ąllt 2 Personen

  1. Das ist die Kehrseite der Isolation. Eigentlich als Schutz gerade der ├Ąlteren Mitb├╝rger eingef├╝hrt, f├╝hrt sie auch massiv zu deren Vereinsamung. Nicht gut – doch wer will die Verantwortung f├╝r Infektionen tragen?

    Gef├Ąllt 2 Personen

  2. Was so schwer zu ertragen ist, dass es Menschen wie Frau Schmidt sind, um derentwillen die geltenden Ma├čnahmen eingef├╝hrt worden sind.
    Inwieweit sollten Leute vor dem gesch├╝tzt werden, was sie brauchen?
    Es gibt, das Bild vom heilsamen Schnitt des Chirurgen – dieser Schnitt k├Ânnte f├╝r Viele t├Âdlich enden.
    Danke f├╝r das Geteilte,
    Guido

    Gef├Ąllt 1 Person

    1. Als Kind war ich in einer Scharlach:Quarant├Ąne, ausgerechnet im Tirol:Urlaub. Die Krankheit habe ich vergessen. In Erinnerung geblieben ist ein unendlicher Schmerz. Stehe am Fenster. Meine Eltern stehen drau├čen, winken mir zu … und wenden sich ab. Gehen fort. Ich bin vier Jahre alt.
      Das, was uns sch├╝tzt und n├╝tzt kann gleichzeitig sehr weh tun.

      Die Kommentare zur alten Frau Schmidt ber├╝hren mich. In den letzten Jahren hatte ich beruflich viel mit Hoch:Betagten zu tun. Das hat meine Welt:Erfahrungen aufs Beste erweitert. Und gerade Frau Schmidt ist mit ihren 90 Jahren voller G├╝te, H├Âflichkeit und Pepp. Sie hat mir eins meiner Lieblings:Komplimente gemacht: „Mit Ihnen rede ich so gerne ├╝ber das Sterben reden. Meine Kinder wollen das nicht h├Âren.“

      W├╝nsche Dir einen guten Sonntag.

      Gef├Ąllt 2 Personen

      1. Ich bin beruflich im Hospizereich t├Ątig, und jedes geteilte Wort, jedes Mitgehen kann ein solches Gewicht haben – und einige Menschen, die begleitet werden, lassen die Frage aufkommen, wer eigentlich wen begleitet.
        Das Kosbtbarste sind immer die Begegnungen – und es ist etwas Trauriges, zu wissen, dass in diesen Tagen viele m├Âgliche Begegnungen – Beratungen auf dem Weg eines Telefonates oder eines Treffens in einem Raum mit ausreichend Raum – nicht wahrgenommen werden. Dabei nimmt der Bedarf an Unterst├╝tzung nicht ab.
        Die Pflegeheime besonders k├Ânnen zu Orten einer Traurigkeit werden, die ihre Wurzel darin hat, dass ihr ein wirkliches Gegen├╝ber felht.
        Vieles mag eine Frage der richtigen Vermittlung sein – und der Hoffnung, das die Flaschenpost ihre Adressaten erreicht…

        Liebe Gr├╝├če und alles Gute Dir

        Guido

        Gef├Ąllt 2 Personen

  3. Ich kenne diese neue Stille auch. Nur die ausl├Ąndische Familie in der Nachbarschaft h├Ârt man in ihrem Garten, weil der Wind die Worte her├╝bertr├Ągt.

    Man k├Ânnte singen.
    Normalerweise, wenn ein Nichtprofessioneller singt, schauen die Leute missbilligend. So verw├Âhnt (und aus unserem Gleichgewicht gefallen) sind wir.

    Die alte Damen w├╝rde es vielleicht schon aufbauen, wenn du vor ihrem Haus singst. ­čśÇ

    Gef├Ąllt 1 Person

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